Interview with Michael Prostìjovský

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Michael Prostìjovský gilt als einer der Macher in der tschechischen Musicalszene. Er war einer der Drahtzieher der überaus erfolgreichen Prager Inszenierung von „Jesus Christ Superstar“ und produzierte gerade das neue Musical „Rusalka“ auf Basis der gleichnamigen Oper von Antonín Dvoøák. Wie entwickelte sich der Musical-Liebhaber zum Experten?

Ich bin in Prag aufgewachsen und war seit 1968 Hörfunkredakteur und Textdichter. Ich habe in der Zeit Songtexte geschrieben von Karel Gott über praktisch alle tschechischen Sänger der Generation. In den 70er Jahren bis Ende 1982 war ich Chefproduzent für U-Musik bei der Plattenfirma „Supraphon“. Währenddessen habe ich Theater- und Filmwissenschaft studiert und mich schon jahrelang für Musicals interessiert. Im Jahre 1983 bin ich – durch die politische Lage bedingt – nach Deutschland ausgewandert und bin bis heute bei der Deutschen Welle in Köln als Redakteur tätig.

Im Laufe der Zeit hat sich mein Interesse für Musicals konzentriert, ich habe eigentlich alles gesehen, was zu sehen war, in New York, in London, in Europa. Nach der Wende in der Tschechoslowakei war ich wieder aktiv hier in Prag, seitdem verfasse ich für den tschechischen Rundfunk jede Woche den „Musical Express“, eine Sendung über die Vergangenheit und Gegenwart des Musiktheaters und des Musicals.

Vor der Revolution gab es praktisch keine Musicals. Wie kam der Boom zustande? „Jesus Christ Superstar“ hatte ihn 1994 eingeleitet.

Vor fünf Jahren habe ich mich mit dem Regisseur Petr Novotný zusammengesetzt. Er wollte ein Musical produzieren und dabei die Regie führen. Daher hat er die Produktionsgruppe „musical“ gegründet und mich beauftragt, „Jesus Christ Superstar“ins Tschechische zu übersetzen und umzudichten.

Wie hat man sich damals eigentlich für „Jesus Christ Superstar“ entschieden, das zu dem Zeitpunkt nirgendwo anders aufgeführt wurde?

Er wollte ursprünglich „Cats“ produzieren; ich habe schon damals den Auftrag zum Übersetzen bekommen und ein Libretto geschrieben. Aber die Verhandlungen mit London waren nicht einfach. Die Gewinnerwartung erschien London zu klein und sie wollten die Karte „Cats“ in Mitteleuropa nicht umsonst ausspielen.

Deswegen haben sie vorgeschlagen, als ersten Schritt „Jesus Christ Superstar“ zu bringen. Das war nicht so problematisch, weil die Inszenierung nirgendwo lief. Das war also kein großes Risiko für die Londoner Produktion. Novotný hat das akzeptiert, denn hier war „Jesus Christ“ eine große Legende. Die Leute haben das gekannt, hatten die Platte gehört oder haben den Film gesehen. Deswegen war die Erwartung ziemlich gut.

Wie haben Sie die „Spirála“ als geeignetes Theater gefunden?

Ganz ursprünglich sollte „Jesus“ in der „Pyramida“ in der Nachbarschaft der „Spirála“ produziert werden, aber da waren die Besitzverhältnisse zu kompliziert. Rechtlich gesehen ist das Messegelände teilweise staatlich, teilweise städtisch, teilweise wurde es von einer vom Staat geführten Firma „Ausstellung 1991“ gemietet, vermietet und verpachtet.

Nach der Ausstellung war die Frage, wer eigentlich die Kredite nicht zurückgezahlt hat und wer schuldig sei. Die Gesellschaft wurde in eine Liquiditationsgesellschaft umgewandelt. Es war so unübersichtlich, daß eigentlich keine Bank in der Lage war, eine Produktion in einem Haus zu finanzieren, das eigentlich niemandem gehört. Deswegen mußte die Premiere von „Jesus“ umgeleitet werden in die „Spirála“, die irgendwie übersichtlicher war.

Was war in der „Spirála“ vorher?

Ursprünglich war es in der 70er Jahren ein Kino mit einer Leinwand zu 360 Grad, für Touristen eine Attraktion. Im Jahre 1991 wurde ein experimentelles Theater gegründet, das damals eine Geschichte über „Faust“ aufgeführt hat. Ohne großen technischen Aufwand, aber mit einer Spirale als einzigen Zuschauerraum. Diese Inszenierung war jedoch ein Mißerfolg, und einige Jahre stand das Gebäude leer. Als Petr Novotný also auf der Suche nach einem Gebäude war, hat er die Möglichkeit bekommen, dieses umzubauen und „Jesus Christ Superstar“ dort zu installieren.

Dieses Musical wurde dann ab Juli 1994 mit sieben Vorstellungen pro Woche aufgeführt.

Ja. Es war das erste Musical, welches wirklich hier in Prag so gemacht wurde, wie das im Ausland üblich ist, also als First Class Production mit den besten Interpreten und einer hervorragenden Inszenierung. Die Leute waren begeistert, und es hat auch die ökonomische Seite erfüllt.

Hat man damit gerechnet, daß es so lange dort sein wird?

So lange nicht. Wir haben gehofft, daß „Jesus“ mindestens ein Jahr gespielt wird, d.h. die Investitionen kommen zurück und daß auch ein bißchen Gewinn bleibt. Aber daß wir vier Jahre das Musical spielen, das hat niemand geglaubt.

Einige der Interpreten haben sich durch „Ježíš Kristus“ zu Superstars entwickelt, besonders Kamil Støihavka als Jesus und Dan Bárta als Judas.

Dabei war die Planung teilweise anders. Petr Slivka aus der Slowakei sollte den Judas singen, der zweite Judas sollte Josef Štágr sein. Kamil Støihavka sollte Jesus sein und Dan Bárta der zweite Jesus. Doch der Slivka war nicht in der Lage, tschechisch gut zu singen, er hat immer mit dem tschechischen „ø“ Probleme gehabt. Als wir vor der Aufführung die Platte produzieren, kam Petr Novotný zu dem Entschluß, daß Slivka nicht singen sollte, deswegen versuchte das der Bárta. Er hat hervorragend aufgenommen, und es wurde überlegt, daß Bárta nach der Premiere auch als Judas auftreten könnte.

Beim ersten Preview war klar, daß Slivka nicht in der Lage ist, die Premiere zu singen. Der Reihenfolge nach sollte der Štágr die Premiere singen. Aber drei Tage vorher hatte er einen Unfall mit dem Bein und konnte nicht singen. Dann hat sich Novotný endgültig für Bárta entschieden. Zuerst hatte dieser gesehen, wo der Slivka auf der Bühne läuft, gesungen hatte er schon auf der Platte, und auf der Premiere war es komplett fertig mit Dan Bárta.

Bereits 1995 wurde angekündigt, daß „Evita“ mit der bekanntesten tschechischen Sängerin Lucie Bílá kommen sollte.

Ganz ursprünglich sollte „Evita“ nach dem „Jesus Christ“ in die „Spirála“ kommen, das war die Idee bei der Premiere von „Jesus“.

Damals gab es noch nicht den Film mit Madonna.

Nein, das war noch vorher. Als wir festgestellt haben, daß „Jesus“ längere Jahre in „Spirála“ bleibt, hat die Produktion versucht, ein anderes Theater zu finden für „Evita“. Damals hatte die Stadt Prag einen Wettbewerb ausgeschrieben für das städtische Musiktheater in Karlín. Es wurde ein Konzept gesucht, ob es für eine Privatproduktion nutzbar sei. Und die Firma „musical“ hat diesen Wettbewerb gewonnen. Leider wurde es dann annulliert und alles blieb beim alten.

Dann kann die Idee, die inzwischen übersichtlicher gewordene „Pyramida“ direkt neben der „Spirála“ auf dem Ausstellungsgelände für „Evita“ zu nutzen. Es wurde schon eingeplant, doch zunächst führte die Firma „Orfeus“ dort „Hair“ auf, und letztendlich hat „Notabene“ die „Pyramida“ für die Revue „Mise“ bekommen. Deswegen ist „Evita“ so spät als direkte Nachfolgeproduktion in die „Spirála“ gekommen.

In „Evita“ muß Dan Bárta als Che noch mehr lyrisch singen als bei „Jesus“. Weil er sich als Rockmusiker ansieht, eigentlich gar nicht seine Sache, doch er löst es sehr gut.

Neulich sang Bárta beim Hörfunkfestival „Bohemia“ ein Lied von Gershwin sowie ein tschechisches Duett mit Bára Basiková und beide wurden begleitet von einem Trio aus Klavier, Baßgitarre und Schlagzeug, also eine Minicombo Richtung 50er Jahre. Er hat dabei hervorragend gesungen. Das kann auch der Støihavka, die beiden präsentieren sich nur als Rocksänger. Der Bárta ist endlich mal dazu gekommen, daß das sein neues Image sein könnte. Der Støihavka hat immer noch ein bißchen Angst davor.

Haben Sie über die Produktion anderer, bekannter Musicals nachgedacht?

Es wurde tatsächlich überlegt, „Hair“ zu produzieren. „Hair“ ist eigentlich eine Legende, viele Leute kennen die hervorragende Musik, die bis heute lebendig ist. Aber praktisch alle Menschen hier kennen den Film vom tschechischen Regisseur Miloš Forman, der „Hair“ in Amerika gedreht hat. Und bei uns war der Film unheimlich populär. Mit Ausnahme von nur wenigen kannte jedoch niemand die Theaterinszenierung, d.h. das Publikum würde etwas erwarten, was mit dem Film zu tun hat. Die Theatergeschichte von „Hair“ ist allerdings eine ganz andere Geschichte als die des Films, es sind zwei verschiedene Welten.

Außerdem glaube ich, daß die ganze Hippiebewegung schon ein bißchen tot ist. Bei dem „Jesus“ ist die Geschichte immer aktuell und die bleibt aktuell auch nach 100 Jahren. Aber die ganze Problematik von „Hair“ ist nicht mal in Amerika heute interessant, geschweige denn in Europa. Da ist nur die Musik, nichts anderes.

Wie ging es also für Sie weiter?

Als „Jesus“ erfolgreich wurde, habe ich mit Petr Novotný über die Frage gesprochen, was nach dem großen Traum – ein First-Class-Musical nach Prag zu bringen und dieses mit Erfolg zu machen – kommen sollte. Ich war der Meinung, statt dem zweiten und dritten Musical müßten wir einen anderen Traum haben, nämlich ein großartiges tschechisches Musical zu inszenieren, das eine Chance hätte, ins Ausland exportiert zu werden. Novotný fragte damals, wo wir einen tschechischen Andrew Lloyd Webber finden würden. Nach langem Nachdenken fiel mir auf, daß wir ihn eigentlich schon vor einem Jahrhundert hatten: Antonín Dvoøák.

Die Oper „Rusalka“ hat alles, was ein Musical braucht: hervorragende, schöne Melodien als Basis für ein Musical, eine große Liebe zwischen einer Wasserfee und einem Prinzen, zwei Welten mit der profanen und der des Wasserreiches, dazu fantasievolle Sachen und ein tragisches Ende. Die Geschichte finde ich noch besser und interessanter als z.B. „Phantom der Oper“, was ich eigentlich sehr schätze. Und seitdem – es sind schon drei Jahre her – habe ich alles dafür gemacht, daß wir das auf die Beine bringen.

Was war alles zu tun? Es ist ja doch mehr Arbeit als die Produktion eines bestehenden Musicals.

Zuerst hab ich mit Zdenìk John einen Komponisten gefunden, der gute Erfahrung mit Filmmusik hat, der meiner Meinung nach von Anfang an in der Lage war, es von Oper zu Musical zu transponieren. Die Melodien müssen schließlich anders konzipiert werden.

Dann gab’s das erste Problem: Das Libretto der Oper „Rusalka“ ist urheberrechtlich geschützt. Bei einer Oper, einem Musical oder auch nur einem Lied sind die Rechte immer zusammengebunden. Man kann nicht die Musik nutzen ohne die Zustimmung vom Librettisten bzw. von deren Erben.

Also haben wir mit den Erben mindestens sechs Monate verhandelt. Es waren acht Personen, davon zwei Anwälte. Wir haben sie letztlich überzeugt, daß alles, was wir davon machen möchten, richtig ist sowohl für die Musik und für Antonín Dvoøák als auch für das Libretto und für Jaroslav Kvapil. Ich habe mich verpflichten müssen, daß die Geschichte so bleibt, wie sie ist, denn die Erben haben zuvor schon einmal einer Inszenierung der Oper in London zugestimmt. Doch damals wurde die Handlung der Oper in die Gegenwart umgesetzt, die Rusalka trug Jeanshose und es spielte in einer Sonderschule. Die Erben waren enttäuscht über diese Inszenierung der märchenhafte Geschichte ihrer Großväter.

Und was passierte, nachdem die rechtliche Lage geklärt war?

Dann habe ich mit einigen Produktionen verhandelt und damit gerechnet, daß ich alles vorbereiten und einer Produktion die Lizenz oder die Rechte anbieten würde. Doch ich bin zu dem Entschluß gekommen, daß man ein eigenes Kind selbst erziehen muß, sonst wird es als Waisenkind oder als Stiefkind behandelt. Dieses Musical braucht wirklich die Pflege von denjenigen, die damit gekommen sind. Deswegen habe ich die Produktionsfirma „Parlando“ gegründet und produziere es selbst.

Wer ist noch stark involviert?

Bei „Jesus Christ Superstar“ hat die Sängerin Bára Basiková die Rolle der Maria Magdalena gespielt und gesungen. Ich war von Anfang an davon überzeugt, daß gerade Bára die idealste Rusalka werden könnte. Dann habe ich mit ihr verhandelt und sie in das Projekt gezogen. Sie hat es auch als ihre eigene Sache verstanden.

Dazu kam – die Sachen laufen manchmal anscheinend von selbst oder man muß ein bißchen auch mit Glück rechnen – daß sie den Architekten Jaromír Pizinger geheiratet hat. Er ist mit der Idee gekommen, eine Markthalle oder Fabrikhalle in ein Theaterhaus umzuwandeln und eine originelle Inszenierung zu machen.

War denn diese Halle 10 auf dem Gelände der Prager Markthallen im zentrumnahen Stadtteil Holešovice eigentlich frei?

Ja, die war damals frei. Vor einem Jahr wir haben mit der Geschäftsführung des Marktplatzes verhandelt. Man hatte vor, auf der einen Seite des Komplexes mit dem Zugang von der Straße ein Unterhaltungszentrum mit Squash, Tennis usw. zu bauen. Die Idee, auch ein Theater dieser Art hier auf die Beine zu bringen, paßte in ihr Konzept. Deswegen haben wir gute Konditionen bekommen und die Halle für 16 Jahre gemietet.

Einige der besten Sänger spielen in „Evita“ oder in anderen Produktionen und stehen Ihnen nicht zur Verfügung. Wen konnten Sie für „Rusalka“ gewinnen?

Wir haben von Anfang an das ganze Projekt für Bára konzipiert. Ich habe vor mehr als einem Jahr schon die Aufnahmen der Highlights produziert. Damals war noch unklar, wann wir eigentlich das Theater machen würden. Ich habe damit gerechnet, daß wir schon im Frühjahr 1998 die Platte auf den Markt bringen. Ich wollte das einfach durch die Platte testen, genauso wie früher Andrew Lloyd Webber mit „Jesus“ und „Evita“. Da kam erst der Erfolg mit der Platte und später die Inszenierung.

Für die CD habe ich als Prinzen den ehemaligen Jesus Kamil Støihavka engagiert und habe damals mit ihm abgesprochen, daß es sich nur um die Platte handelt und nicht um die Theaterinszenierung, weil er die Rolle des Prinzen für sich selbst ein bißchen fremd fand. Er fühlt sich als Rockmusiker und hatte Angst, sich als einen Prinzen darzustellen. Wir haben also eine Vereinbarung für die CD und für den Videoclip gemacht.

Die Aufnahme war fertig, alle waren begeistert, und wir sind zu dem Entschluß gekommen, daß es sich nicht lohnt, mit der Platte auf den Markt zu kommen und erst nach einem Jahr das Theater zu produzieren. Wir hielten die Aufnahme also zurück und warteten die Inszenierung ab.

Dann suchten Sie also noch einen Prinzen für die Bühne.

Damals haben wir natürlich einen Prinzen gesucht, der nach der Støihavka-Aufnahme auf der Bühne stehen könnte. Dabei haben wir Petr Muk gefunden, eine Idee von Bára. Sie konnte sich vorstellen, mit dem Petr als Prinzen zusammen zu singen. Ich habe mit ihm einige Gespräche geführt, und er war sehr begeistert von dem Projekt. Es störte ihn nur, daß Støihavka aufgenommen wurde und er irgendwie im Schatten von Støihavka stehen würde. Ich habe ihn überzeugt, daß die beiden große Persönlichkeiten sind und dabei so unterschiedlich wie nur irgendwie möglich.

Er hat sich eine Woche zum Nachdenken gegeben. Nach einer Woche habe ich ihm gesagt: „Lieber Petr, ich habe unheimlich großes Interesse daran, daß Sie den Prinzen singen würden, aber ich muß Ihnen eine Kleinigkeit mitteilen, und zwar, daß der Støihavka das machen wird auf der Bühne.“

In der Zeit gerade hat der Kamil die komplett fertige Aufnahme gehört und war unheimlich begeistert davon und hat sich entschieden, auf der Bühne mitzuwirken. Ein weiterer Grund war auch, daß zu dem Zeitpunkt ziemlich klar war, daß „Jesus“ nicht mehr lange auf der Bühne bleibt, somit hat Støihavka zugestimmt. Für den Petr war das keine einfache Entscheidung, mit ihm zusammen aufzutreten. Aber trotzdem schätze ich seine Persönlichkeit unheimlich, weil er dies in Kauf genommen und zugestimmt hat.

Dabei war Petr Muk schon einmal wesentlich bekannter als Støihavka, als er in den Gruppen „Oceán“ und „Shalom“ sang. Gerade die Jüngeren kennen ihn alle.

Natürlich, und der Støihavka ist durch „Jesus Christ“ unheimlich bekannt.

Wer ist noch aus den bekannten Musicals dabei?

Zum Beispiel Yvetta Blanarovièová aus „My Fair Lady“ vom Karlín-Theater, Pavla Kapitánová und Jiøí Schoenbauer von „Jesus“ sowie Yvonne Pøenosilová. Sie war hier eine Legende in den 60er Jahren und ist heutzutage Hörfunkredakteurin, singt nur ab und zu und ist noch immer ein Name für die erwachsene Generation.

Bereits im vergangenen Herbst wurde eine CD Single von „Rusalka“ herausgegeben mit dem Stück „Silberner Mond, Du am Himmelszelt“, das von Bára Basiková als Wasserfee gesungen wird.

Dieses Lied ist die Hauptmelodie des Musicals. Es ist eigentlich ohne Anfang, unheimlich lyrisch und nach dem Ende kommt im Musical gleich das nächste Lied. Wir haben gesehen, daß es für die normale Hörfunkpräsentation nicht ganz geeignet ist, deswegen haben wir das umgearbeitet als Radioversion. Diese ist um drei oder vier Töne höher, mit einem richtigen Anfang und mit dem Wassermann am Ende. Das Video haben wir auch mit dieser Version gemacht.

Was sollte man zuerst sehen, wenn man das Thema noch gar nicht kennt: die Oper oder das Musical?

Ich glaube, der bessere Weg ist, unser Musical zu sehen. Die Opernfans kennen die Oper natürlich und für die haben wir auch nicht unsere Vorstellung gemacht. Andererseits gibt es auch Leute, die sich für klassische Musik interessieren und die auch mit unserem Werk zufrieden sein können. Allerdings gibt es Menschen, die vielleicht nicht begeistert sind mit dem, was wir machen. Manche kämpfen auch gegen uns. Wir haben viele Gegenstimmen bekommen, daß es also unzulässig sei, eine Mißachtung von Dvoøák und gar Ausnutzung der Grundmelodien zu kommerziellen Zwecken.

Wie argumentieren Sie gegen die Vorwürfe?

Die Original-Rusalka bleibt so, wie sie ist, wir haben sie nicht vernichtet. Statt dessen haben wir aus ihr eine neue Rusalka gemacht. Wir haben etwas neues geschrieben, ohne das alte zu vernichten.

Was haben Sie alles geändert?

Das sollte man am besten selbst sehen. Alles, was bei der Umwandlung in ein Musical zu ändern ist, haben wir geändert. Schon das Timing. Unser Musical hat zwei Stunden, die Oper hat drei. Bei den Hauptarien hat sich die Melodie nicht viel geändert, doch die Harmonien und die Instrumentation schon. Auf der CD spielt ein Sinfonieorchester mit 70 Köpfen und einer Popgruppe zusammen. Im Theater haben wir ein Orchester mit gut 30 Musikern.

Die Teile mit Dialogliedern haben wir ganz anders gemacht. Da haben wir die Fragmente des Originals genommen und anders harmonisiert. Zum Beispiel das Lied „Blümelein weiß am Wegesrand“, ein langsames Lied eines Damenchores, bei dem alle auf dem Baum vor dem Schloß tanzen. Bei uns singt das ein Clown mit einer Artistentruppe vom Prinzen, sie singen dieses Lied ganz hart. Und unsere Sache ist unheimlich dynamisch, ständig bewegt sich etwas oder ist zu beobachten auf der Bühne.

Für die „Rusalka“ im Theater „Milénium“ wurde zum ersten Mal ein Haus gebaut statt ein vorhandenes genommen. „Spirála“ und „Pyramida“ gab es ja bereits.

Die gab’s schon, ja. Wir sind ganz absichtlich den Weg wie Stella in Deutschland gegangen. Die Gründe liegen nah: In London gibt’s Theater. Wozu also ein Theater bauen, wenn ich schon in der Stadt welche habe und die Investitionen niedriger sind? Natürlich ist es halt praktisch, wenn in London alle Theater im Westend sitzen bzw. irgendwo bei der Victoria Station und alles beieinander ist. Dadurch ist die Westend-Stimmung eigenartig.

Diese Möglichkeit direkt in der City in Prag gibt’s nicht. Die Theater, die hier gebaut worden sind, sind Theater für 350, 400, höchstens für 600 Personen. Doch das geht mit einem Musicaltheater nicht, d.h. größere Theater müssen irgendwo außerhalb der City gebaut werden. Aber andererseits ist Prag nur eine Millionenstadt, es ist kein so großes Problem, mit der U-Bahn und mit der Straßenbahn hinzukommen.

Dann könnte man das Haus gleich für das spezielle Musical bauen, um es entsprechend rüberzubringen?

Genau. Wenn man z.B. „Starlight Express“ vergleichen würde mit der Stimmung in Londons Apollo Victoria und Bochums Starlighthalle, dann sieht es besser aus in Bochum, weil das Haus für die Inszenierung gebaut wurde. London Apollo Victoria ist ursprünglich ein Kinopalast und wurde umgebaut. Einige Reihen sind abgeschirmt von dem Geschehen, weil niemand etwas sehen würde, die Bahnen sind regelrecht zwischen Balken und Erdgeschoß gebaut. Die Zuschauer haben dagegen die bessere Aussicht in Bochum. Oder was mit „Joseph“ in Essen gemacht wurde in der alten Fabrikhalle in Essen: die Stimmung ist absolut hervorragend.

Deutschland ist im Grunde genommen ein Land mit Dezentralisierung, d.h. auch die Aktivitäten von Stella – mal in Hamburg, in Bochum, in Duisburg und in Stuttgart – entsprechen der eigenen Logik des Landes. In Tschechien käme so etwas nicht in Frage. Da haben Sie als Möglichkeit nur Prag, nirgendwo anders. Ich gehe davon aus, daß die Privatproduktionen, die ein Musical in Prag aufführen möchten, etwas dafür tun müssen und ein Haus bauen bzw. ein Haus zu einem Theater umbauen.

Wie hoch sind Ihre Erwartungen?

Also wie lange wir das spielen werden? Ich hoffe, so lange wie möglich. Ich hoffe, daß unsere „Rusalka“ als Musical für die ganze Familie die breite Struktur des Publikums anspricht. Zuerst hier, und ich hoffe auch im Ausland. „Jesus Christ“ wurde vier Jahre gespielt, Dracula drei. Also hoffe ich, daß wir auf dieser Schiene weitergehen und die Tradition des tschechischen Musicals beleben werden.

Wie stehen Sie zu den vielen Musicals, die zur Zeit in Prag laufen?

Wenn es gute Produktionen sind, habe ich keine Angst vor der Vielzahl. Musical-Inszenierungen kämpfen nicht gegenseitig wie Fernsehprogramme. Ein Musical besucht man zweimal, dreimal, viermal im Jahr. Wenn es viele Musicals gibt, dann kann man alle sehen. Wir kämpfen also nicht um den Zuhörer, wir haben eine gemeinsame Zielgruppe. Die kann man mit vier bis fünf guten Produktionen bedienen.

Was ich als Problem finde, sind schlechte Produktionen. Wenn jemand kommt, besucht eine schlechte Produktion wie z.B. die tschechische „Beauty And The Beast“, sagt er „Oh, wieder ein Musical“ und bleibt enttäuscht. Dann geht er weder zu „Rusalka“, noch zu „Evita“, geschweige denn zu „Mise“. Und das ist das Problem.

In Musicalmenschen müssen zwei Hälften in der Brust schlagen: eine Hälfte für die Kunst, die zweite für das Business, und zwar miteinander. Musical geht nicht anders, dabei geht es um viel Geld. Bei einem Musical muß man von Anfang an damit rechnen, daß das mehrere 100.000 Leute besuchen werden, weil die Investition unheimlich groß ist. Die Interpreten, die Stars, alles kostet Geld. Bei der tschechischen Version von „Hair“ waren keine Stars, das geht nicht. Da müssen Namen sein, die die Leute anziehen. Und das alles muß irgendwie in einem Zusammenhang und einer Harmonie stattfinden.


Das Interview wurde am 2. Oktober 1998 in Prag geführt

veröffentlicht in Kräft, Klaus-Dieter (Hrsg.):
musicals - Das Musical-Magazin“, Ausgabe 77 (Juni 1999),
München: Verlag Gerhard Knopf, ISSN 0932-7118

Gunnar Habitz (www.habitz.ch)