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Nach einer für Prag ungewöhnlichen Werbeaktion wurde Mitte Februar 1999 das neue „Rusalka muzikál“ im Theater „Milénium“ uraufgeführt - das erste Großereignis dieser Art seit dem fast schon legendären tschechischen „Dracula“ von Karel Svoboda 1995.
Die neue „Rusalka“ basiert auf Motiven der gleichnamigen Oper von Antonín Dvoøák und Jaroslav Kvapil. Man sollte jedoch nicht versuchen, das Musical an der Oper zu messen. Es besticht durch witzige Einfälle und ständige Bewegung auf der Bühne, wie es nun einmal diesem Genre entspricht.
Die Produktion wurde von einem hochkarätigen Team vorbereitet. Als geistiger Vater von „Rusalka muzikál“ gilt Michael Prostìjovský, der das ursprüngliche Libretto von Jaroslav Kvapil sorgfältig der kürzeren Dauer von nur zwei statt drei Stunden angepaßt hat. Die Regie führt Jozef Bednárik, der neben Engagements in Oper und Ballett unter anderem auch im „Dracula“ entscheidend mitwirkte. Die Choreografie besorgte dessen Weggefährte Libor Vaculík.
Der Oscar-Preisträger Theodor Pištìk entwarf zauberhafte Kostüme, die sehr viel Einfallsreichtum offenbaren. Besonders die Figuren aus der Wasserwelt kleidete er mit interessanten Details; an den Gestalten aus dem Schlamm kann der Zuschauer unter anderem kleine Frösche beobachten. Schon durch die Arbeit von Pištìk lohnt sich ein Besuch.
Das ein wenig nüchterne Bühnenbild hat Jaromír Pizinger als Architekt des Theaters mit recht wenig Aufwand gestaltet. Eine Wand mit durchsichtigen Wasserrohren sorgt für die nötige Untermalung im Wasserreich, der Mond dient gleichzeitig als Schaukel, und der Wassermann fährt majestätisch aus der Erde. Besonders gelungen ist das fahrbare Hexenhäuschen aus Glas.
Das Theater „Milénium“ entstand durch einen Umbau einer ehemaligen Markthalle auf dem Prager Marktgelände. Von außen sieht es zugegebenermaßen nicht nach einem Theater aus; die originellen Einfälle von Jaromír Pizinger sind innen zu sehen. Der Zuschauer gelangt über eine Treppe in den Innenraum und befindet sich zwischen den hufeisenförmig angeordneten, leider ungepolsterten Sitzplätzen. Während der Vorstellung wird eine Plattform über die Stufen gefahren, so daß der gesamte Zwischenraum als verlängerter Arm der Bühne fungiert. Dies bedeutet eine ungewohnte Nähe zu den Darstellern.
Die meisten Arien aus der Dvoøák-Oper wurden beibehalten und mit einer Ausnahme ähnlich arrangiert wie im Original. Dazwischen wurden die lediglich auf Fragmenten der Oper basierenden Dialoglieder vollständig anders arrangiert und von Zdenìk John umkomponiert. Musikalisch erinnert mancher Moment an eine Rockoper wie „Jesus Christ Superstar“, nur selten werden opereske Arrangements verwendet. Schade nur, daß bis auf ein paar Arien nicht sehr viele Melodien im Gedächtnis bleiben.
Unverändert ist die tragische Geschichte selbst. Im Wasserreich lebt ein Wassermann mit seiner Tochter Rusalka, die in einen Prinzen verliebt ist. Als Wasserfee gibt es jedoch keine Möglichkeit für Sie, mit ihm zusammen zu sein. Also bittet sie eine Hexe, in einen Menschen verwandelt zu werden. Als Gegenleistung verlangt die Hexe ihre wunderschöne Stimme.
Der Prinz verliebt sich tatsächlich in Rusalka, auch wenn er sie nicht hören kann. Sie ist jedoch nicht gerade glücklich, weil man sich am Hofe über sie lustig macht und der Prinz sich zudem mit einer attraktiven fremden Fürstin einläßt. Rusalka ist enttäuscht darüber, weil der Prinz sie nicht richtig liebt und sie kein vollständiger Mensch wurde. Außerdem leidet sie unter der Sehnsucht nach ihrem vorigen Leben als Wasserfee.
Die Hexe bietet ihr an, sich von dem Zustand zu erlösen, wenn sie den geliebten Prinzen erstechen würde. Das kann Rusalka jedoch nicht über das Herz bringen. Sie lehnt es ab und muß als Strafe für die Ablehnung in das Moorgebiet anstatt ins Wasserreich. Der Prinz, der sich in der Zwischenzeit selbst ziemlich verwandelt hat, kann ohne Rusalka nicht sein und findet sie als Moorwesen wieder. Weil sein Leben ohne sie keinen Sinn ergibt, bittet er sie, ihn durch einen tödlichen Kuß zu erlösen. Die Tragödie für Rusalka besteht darin, daß sie selbst durch sein freiwilliges Opfer nicht erlöst werden kann. Sie wird für immer ein Moorgeist bleiben.
Eine der größten Überraschungen ist die gesangliche Leistung von Kamil Støihavka in der Rolle des Prinzen. Er wurde in Prag als Jesus Christus bekannt, den er in seinem Naturell als Rockmusiker hervorragend verkörperte. Hier muß er viel lyrischer singen, was ihm ohne Zweifel gelungen ist. Diese Wandlung hat vorher sein Rockkollege Dan Bárta als Che in der Prager „Evita“ vollzogen, was ihm immerhin den tschechischen Grammy 1999 einbrachte.
Die Rusalka wird von Bára Basiková gespielt, die in „Jesus Christ Superstar“ die meisten Vorstellungen als Maria Magdalena sang. Sie ist gemeinsam mit ihrem Gatten Jaromír Pizinger in das neue Projekt seit der Entstehung einbezogen. Wie auch die allererste Rusalka in der Dvoøák-Premiere 1901 muß man sich auch hier von dem Gedanken verabschieden, daß die Rusalka eine blonde, wunderschöne Wasserfee sei. Bára ist vielmehr in der Lage, neben ihren gesanglichen Qualitäten als ausgebildete Opernsängerin gerade die Phasen ohne Stimme mimisch darzustellen. Nur schade, daß sie kein schöneres, aufwendigeres Kleid trägt und damit endgültig den Traum einer Wasserfee im Geist der Zuschauer zerstört.
Als Hexe hat Michael Prostìjovský Yvonne Pøenossilová als Sängerin reaktiviert, die in den Sechzigern als tschechische Branda Lee gefeiert wurde. Der Wassermann wird mit Jiøí Schoenbauer von einem weiteren Bekannten aus „Jesus Christ Superstar“ und aus „Krysaø“ überzeugend gesungen.
Als Fazit kann Prag froh sein, über eine solche moderne, mit vielen technischen Raffinessen ausgestattete Musicalbühne zu verfügen. Wenn man den Preis von maximal 35 DM nicht nur mit dem Gebotenen, sondern auch mit den Produktionen im Ausland vergleicht, dann lohnt sich ein Besuch jedenfalls. Es wird sich zeigen, wie die Produktion von der tschechischen Bevölkerung angenommen wird, die immerhin die Nationaloper gut kennt.
Das Interview wurde am 2. Oktober 1998 in Prag geführt
veröffentlicht in Kräft, Klaus-Dieter (Hrsg.):
„musicals - Das Musical-Magazin“, Ausgabe 77 (Juni 1999),
München: Verlag Gerhard Knopf, ISSN 0932-7118
Gunnar Habitz (www.habitz.ch)